In der Welt zuhause, In M-V daheim
Gedanken
anlässlich des neuen Jahresthemas der KJM
Was war das für ein Fest im Sommer 2006!
Ein Meer bunter Fahnen aus aller Herren Länder, hupende Auto-Corsi durch die Straßen, jubelnde Massen dicht gedrängt auf den Marktplätzen. Die Welt war nicht nur unter dem Banner des Fußballs zu Gast in Deutschland. Durch die weltweite Übertragung der Spiele war unser Land auch zu Gast in vielen Ländern. Für vier Wochen war die Welt in Deutschland präsent und zugleich unser Land in der Welt. Die weltweite Begeisterung für Fußball ist nur eine Facette eines Phänomens namens "Globalisierung". Was steckt hinter diesem Begriff? Das Wort ist auf den ersten Blick so allgemein, dass sich niemand etwas Konkretes darunter vorstellen kann. Bei solchen sperrigen Wörtern hilft es den Kern des Wortes herauszufinden. Hier ist es "global" - das bedeutet zunächst nichts anderes als "weltumspannend". Was auch immer sich hinter "Globalisierung" verbirgt, es betrifft die ganze Welt. Wer von "Globalisierung" spricht, meint oft damit zwei unterschiedliche Entwicklungen. Die eine betrifft die Wirtschaft. Ich kann im Supermarkt Orangen aus Spanien und Erdbeeren aus Israel kaufen. In meinem Auto stecken viele Teile, die in China hergestellt und in der Slowakei zusammengebaut wurden. Wenn es im Winter hier trübe und regnerisch ist, kann ich schnell nach Südafrika in die Sonne fliegen. Das ist ja zunächst ganz gut. Die schlechte Seit ist, dass die Umwelt unter dem ganzen Flug- und Autoverkehr leidet, Meere leer gefischt oder von Öl verschmutzt werden. Ebenfalls ist meine Arbeit hier in ständiger Gefahr, weil irgendjemand sie billiger machen könnte. Die andere Entwicklung betrifft uns genauso stark. Wie wir unser Leben gestalten, ähnelt sich immer mehr weltweit. Da ist zunächst die englische Sprache, die fast überall auf der Welt verstanden wird. Viele Menschen auf der ganzen Welt kennen die Schauspieler aus Hollywood, aber nur wenige Künstler aus dem Nachbarland. Mach mal den Test: Wie viele polnische Bands kennst du? Der Burger aus Rostock ist fast identisch mit dem aus London, Rio oder Tokio. Und oft brauche ich das Hotel in der Karibik gar nicht zu verlassen, sondern liege faul zwei Wochen am Pool herum, trinke Cocktails und weiß nur vom Barkeeper, dass er ein Einheimischer ist. "Globalisierung" verändert unser Leben. Es macht zugleich reicher und ärmer. Dabei müssen sich das Leben in der Welt und das Leben vor Ort gar nicht widersprechen. Es passt gut zusammen, dass ich mich in meiner Heimat wohl fühle und mit Neugier über den Tellerrand gucke. Natürlich interessiere ich mich für Dinge aus fernen Ländern. Dann merke ich aber auch, dass es vieles gibt, was mir hier gefällt. Auch dafür gibt es schon ein neues Wort: "Glocal" bedeutet "Global denken, lokal handeln." Oder wenn man den Slogan eines Bierherstellers abwandelt: "In der Welt zuhause, in M-V daheim."
(Jens Priwitzer)
Artikel